Hymnus zum Jahr der Barmherzigkeit

Text:

Barmherzig wie der Vater![1]

1.

Dankt dem Vater, denn er ist gut,

ewig währt sein Erbarmen[2]

Er schuf die Welt in Weisheit,

ewig währt sein Erbarmen.

Er führt sein Volk durch die Geschichte,

ewig währt sein Erbarmen.

Er vergibt seinen Kindern und schließt keines aus,[3]

ewig währt sein Erbarmen.

.

2.

Dankt dem Sohn, dem Licht der Völker,

ewig währt sein Erbarmen

Er liebt uns mit einem Herz aus Fleisch,[4]

ewig währt sein Erbarmen.

Wir wollen ihn lieben, wie er uns geliebt hat,

ewig währt sein Erbarmen.

und die Herzen für jene öffnen, die hungern und dürsten,[5]

ewig währt sein Erbarmen.

.

3.

Bitten wir den Heiligen Geist um seine sieben Gaben,

ewig währt sein Erbarmen.

Er ist Quelle aller Güte und Hilfe in aller Not,

ewig währt sein Erbarmen.

Von ihm gestärkt, lasst uns einander stärken,[6]

ewig währt sein Erbarmen.

Denn die Liebe hofft und hält allem stand,[7]

ewig währt sein Erbarmen.

.

4.

Bitten wir um Frieden von Gott allen Friedens,

ewig währt sein Erbarmen.

Die Welt wartet auf die Botschaft des Reiches Gottes,[8]

ewig währt sein Erbarmen.

Freude und Vergebung in den Herzen der Kleinen,

ewig währt sein Erbarmen.

Der Himmel und die Erde werden erneuert,[9]

ewig währt sein Erbarmen.

.

[1] vgl. Lk 6,36, Motto des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit

[2] vgl. Ps 135/6

[3] vgl. Lk 15

[4] vgl. Joh 15,12

[5] vgl. Mt 25,31ff

[6] vgl. Joh 15, 26-­27

[7] vgl. 1Kor 13,7

[8] vgl. Mt 24,14

[9] cfr. Ap 21,1

.

M: Paul Inwood

T: P. Eugenio Costa SJ

.

© 2015 Päpstlicher Rat zur Förderung der Neuevangelisierung

Tonaufnahme:

Das Offizielle Lied zum Heiligen Jahr  wird in der Tonaufnahme gesungen von der Cappella Musicale Pontificia unter der Leitung von Maestro Mons. Massimo Palombella, S.D.B. (Aufzeichnung Radio Vatikan).

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Und das Wort ist Fleisch geworden

Und das Wort ist Fleisch geworden

und hat unter uns gewohnt

und wir haben seine Herrlichkeit gesehen,

die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater,

voll Gnade und Wahrheit.

Joh 1,14

Du Fleisch gewordenes Wort,

Du Mensch gewordener Gott,

Jesus Christus, Sohn des Vaters,

nicht nur wir lassen uns in Deine Liebe hinein los,

wenn wir Dich empfangen.

Auch Du lässt Dich los

auf uns hin,

in unsere Wirklichkeit hinein…

Zuerst.

Wer kann das erfassen?

.

Doch – findest Du Liebe in uns,

wie wir in Dir?

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Zum Kind-Gottes-Sein ermächtigt

Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden,

aber die Welt erkannte ihn nicht.

Er kam in sein Eigentum,

aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Allen aber, die ihn aufnahmen,

gab er Macht, Kinder Gottes zu werden,

allen, die an seinen Namen glauben,

die nicht aus dem Blut,

nicht aus dem Willen des Fleisches,

nicht aus dem Willen des Mannes,

sondern aus Gott geboren sind.

(Joh 1,10-13)

Meine Deutschlehrerin hätte da gleich den Rotstift angesetzt: Er war in der Welt… Wer, bitte? Der einzige “Er” von dem im Johannesprolog bisher die Rede war (vgl. letzte Posts), ist Johannes gewesen. Aber der kann hier nicht gemeint sein, denn durch ihn ist ja nicht die Welt geworden. Ja, und Gott kam vor, wenn man ihn denn auch als ein “Er” bezeichnen will – was die Bibel bekanntlich tut. Von Jesus Christus, den wir Christen sofort  in diesem “Er” sehen, ist in den ersten Sätzen noch gar nicht ausdrücklich die Rede gewesen. Nur immer vom Wort. Dann müsste aber “Es” da stehen. Nun, der griechische Begriff für “Wort” ist Logos, und der ist maskulin. Den hatten die Übersetzer wohl im Kopf, als sie “Er” schrieben. Das Wort, das Johannes meint,  ist eben nicht dinglich, es ist Person.

“Logos” ist im Griechischen mehr als ein bloßes Wort. Es kann Wort, Rede, Vernunft, Sinn, Verständnis und ich weiß nicht was sonst bedeuten. Im Grunde ist es etwas, was wir nicht greifen können, was uns aber trägt, Sinn und Bestand unseres Lebens. Unser Grundwasser sozusagen, oder die Luft, die wir atmen. Und – christlich gesehen – etwas sehr Personales, das uns nicht in einem gut funktionierenden Räderwerk verschwinden lässt, sondern persönlich meint und einbezieht. Wer mit dem Denken des Johannes vertraut ist, weiß: Für ihn ist dieser Logos nichts anderes als Liebe. Und Liebe gibt es nur von Person zu Person. Liebe ist der tiefste Sinn allen Daseins.  Liebe, die sich in Gott selbst ausdrückt, ja die dieser Liebesausdruck selbst IST und sich öffnet auf die Schöpfung hin; Liebe, die als geheimnisvolle Kraft alles in einem inneren Zusammenhang hält und aufeinander abstimmt wie in einer wunderbaren Choreographie.

Aber die Welt erkannte ihn nicht. Wie ist das möglich? Dieser Logos, Gott selbst, der die Liebe ist,  kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie können ausgerechnet “die Seinen” das Spiel so verderben? Und sie tun es bis heute…

Liebe lässt Freiheit. Ja, tatsächlich, sie macht ernst damit. Sie kann auch abgelehnt werden. Liebe lässt diese Freiheit zu. Das gehört zu ihr. Sie schlägt keine Tür zu – auch dann nicht, wenn ihr Türen zugeschlagen werden. Das macht sie glaubwürdig. Aber auch leidend… in erster Linie mit den leidenden Menschen. Denn die Ablehnung trifft nicht nur sie, sondern hinterlässt auch Opfer unter den Menschen. Grausamens Leid, das die Lebensverweigerer anderen antun. Die Liebe leidet mit. Sie sehnt sich mit und sucht. Sie wirbt und lädt ein. Sie geht mit – auch durch den Tod. Und LEBT dennoch, weil sie selbst LEBEN ist.

Wo diese Liebe aber aufgenommen wird – und das geschieht offensichtlich auch -, ermächtigt sie zum Kind-Gottes-Sein.

Hat ein Kind jemals die Macht, zu bestimmen, wessen Kind es sein will? Nein! Selbst ein (älteres) Adoptivkind nicht, denn es bleibt zeitlebens das leibliche Kind seiner leiblichen Eltern.

Wir aber haben die Macht, Kinder Gottes zu sein – wenn wir das Wort aufnehmen. Johannes spricht ausdrücklich von “leiblichen Kindern”, nämlich: die aus Gott geboren sind. Und um nicht missverstanden zu werden, setzt er noch eins drauf und spielt quasi dieses neue Geborensein gegen die normale leibliche Herkunft aus. Nicht, dass er sie leugnen will, aber sie spielt keine Rolle mehr. Natürlich ist das eine spirituelle Aussage, die “Beziehung” meint, keine Übermenschen. Aber schon etwas Ganzheitliches. Bis in den Leib hinein haben wir teil am neuen Leben in Christus, vom Ursprung her sind wir Kinder Gottes, durch das Wort der Liebe ins Dasein geliebt und zum Leben und Lieben ermächtigt.  Eigentlich ist ja jeder Mensch ins Dasein geliebt, aber Gott zwingt keinem das Kind-Gottes-Sein auf. Er bietet es an. Wo es aber aufgenommen wird, ist es schon so etwas wie eine “Auferstehung” mitten in dieser Lebenszeit, eine Ermächtigung zum Leben und Lieben, das im Wort west und das unser Licht ist – und sogar den Leib durchflutet.

Manchen Menschen sieht man das an – selbst wenn sie von Krankheit gezeichnet sind.

Denn Gott selbst wurde

in der Macht seiner Liebe

leibliches Kind der Menschen.

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Vermittler des Lichts

Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war;

sein Name war Johannes.

Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht,

damit alle durch ihn zum Glauben kommen.

Er war nicht selbst das Licht,

er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.

Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet,

kam in die Welt.

(Joh 1,6-9)

.

Wenn Gottes Liebe uns so nahekommen will,
wie sie es in der Menschwerdung tut,
platzt sie nicht unvermittelt in unseren Lebensbereich herein,
sie erwählt sich Wegbereiter.

Johannes war so einer.

Gottes Handeln ist Zusammenhang,
nicht einsame Spitze
Team-Arbeit.

Aber im Licht der Liebe,
im Geist,
in der Einmaligkeit jedes Menschen,
nicht im mechanischen Räderwerk.

Die ganze Schöpfung ist Team-Arbeit.

Und wir frönen dem Individualismus?

Du wahres Licht, das jeden Menschen erleuchtet,
lass auch uns Wegbereiter sein,
Menschen, die Fenster und Türen öffnen,
damit Licht in diese Welt kommt.

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Licht der Menschen

In ihm war das Leben

und das Leben war das Licht der Menschen.

Und das Licht leuchtet in der Finsternis,

und die Finsternis hat es nicht erfasst.

(Joh 1,4.5)

.

Würden wir mit unserer naturwissenschaftlich aufgeklärten Ratio nicht eher sagen:
Das Licht war das Leben der Menschen
– und nicht, wie Johannes:
Das Leben war das Licht der Menschen ?

Jede Pflanze braucht zum Leben Licht. Es lässt die Pflanze sprossen und wachsen. Erst recht wir Menschen brauchen Licht zum Leben. Auch im übertragenen Sinne. Für viele ist der Glaube ein solches Licht. Dieses Licht verstehen nicht wenige aber wie eine Art großer himmlischer Lampe über ihr Leben, unter deren Strahl ihr Leben entsteht und gedeiht. Und sie finden es praktisch, so eine wunderbar verlässliche Lichtquelle  im Glauben zu haben, um leben zu können. Nicht, dass sie nicht Recht damit hätten, aber – wie lebendig empfinden sie diese Lichtquelle? Oder gleicht sie einer fest hängenden Zimmerlampe, deren Glühbirne irgendwann ausgebrannt sein wird?

In Wirklichkeit ist es schon in der Natur anders: Nicht das Licht lässt Leben entstehen, sondern es ist selbst schon Leben. Es ist sowohl am Himmel, in der strahlenden Sonne, als auch im beschienenen Luftraum, aber auch schon gespeichert im Inneren des Samens. Im Zusammenspiel mit Luft, Wärme, Wasser und Erde konkretisiert sich nun dieses bereits überall gegenwärtige Leben in der keimenden und wachsenden Pflanze, die das Leben in ihrem eigenen Entstehen einfängt und nun mit ihren schönen Farben und Formen reflektiert und weitergibt. Sie ist ganz eingebunden in diesen Licht-Leben-Zusammenhang, passiv und aktiv. Er gibt ihr Form, Halt, Farbe und Wachstum und ermächtigt sie dazu, buntes Licht und Leben weiterzugeben.

Das Leben war das Licht der Menschen. Wann sind Menschen “licht”? Wenn sie geliebt werden. Das Geliebt-Sein, und zwar authentisch (nicht nur gemocht), erhellt das Dasein der Menschen, gibt ihnen Form, Halt, Farbe und Wachstum und ermächtigt sie zum Lieben. Alles andere ist nicht so furchtbar wichtig. Wenn sie da ist, die Liebe, leuchtet sie, auch wenn es um mich herum finster ist und selbst wenn meine Emotionen von mancher durch Menschen erfahrenen Finsternis noch belastet sind.

Noch einmal: Dieses Licht des Geliebt-Seins lässt das Leben in uns nicht erst entstehen und erhält es, sondern es ist selbst schon Leben. Es sammelt sich, konkretisiert sich in unserem Dasein, sobald wir es einfangen mit den tiefsten Fasern unseres Wesens und mit den Gaben, die in uns wachsen, reflektieren und weitergeben.

Nach Johannes ist dieses Licht nichts anderes als das “Leben im Wort”, was in seiner Sprache gleichbedeutend ist mit “das Leben in Gott”. Er will damit sagen: Gott selbst ist diese Liebe – ja,  diese Liebe, mit der jeder Mensch ohne Bedingung geliebt wird. Gottes Liebe ist LEBEN, und dieses LEBEN, das in ihm ist und in der Menschwerdung für uns ausströmt, ist das Licht der Menschen.

Und die Finsternis hat es nicht erfasst. Erfasst – aktiv oder passiv? Also aktiv im Sinne von “besiegen”, wie wenn ein schwarzes Loch im Weltall die Lichtteilchen eines Sterns mit seiner unheimlichen Anziehungskraft  erfasst und verschlingt (verschwinden lässt),  oder passiv im Sinne von erkennen, aufnehmen (und reflektieren)? Es sind durchaus gegensätzliche mögliche Bedeutungen. Ich kann leider kein Griechisch, aber nach dem Jesuiten Ansgar Wucherpfennig ist der Satz “die Finsternis hat es nicht erfasst” bereits als Hinweis auf den Tod und die Auferstehung Jesu zu verstehen.[1] Gottes Liebe, die Fleisch geworden ist und sich unseren Finsternissen aussetzt, wird von der Finsternis eben nicht erfasst und verschluckt. Sie wird aber oft auch nicht erkannt und aufgenommen, also auch in diesem Sinne nicht erfasst  – das war ja gerade die Tragik des Todes Jesu! Er wurde mit seiner Liebe in den Tod getrieben. Doch sie war stärker. Durch den Tod hindurch erwies sie sich als Auferstehung und LEBEN – ewiges, allgegenwärtiges Leben.

Und das Leben ist das Licht der Menschen.

[1] Ansgar Wucherpfennig SJ, Der Johannesprolog – eine alljährliche Überforderung, in: Lebendige Seelsorge 58 (2007) 338–342

 

 

 

 

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Alles ist durch das Wort geworden

Christusikone

Alles ist durch das Wort geworden,

und ohne das Wort wurde nichts,

was geworden ist.

(Joh 1,3)

.

Alles, was ist, ist aus Beziehung hervorgegangen.
Alles mit Fäden der Liebe gestrickt.
Und wir müssen uns loslassen
in diesen inneren Zusammenhang hinein,
um LEBEN zu spüren,
um selbst durch das Wort zu werden.

Ja, ganz innen in uns,
da ist es schon:
das Wort, durch das alles geworden ist,
das Wort, das Beziehung ist – Liebe.

 

 

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Im Anfang war das Wort

 Im Anfang war das Wort

und das Wort war bei Gott

und das Wort war Gott.

(Joh 1,1)

 .

Im Anfang  – LIEBE

Im Anfang  – ICH BIN DA

Im Anfang  – DU

Im Anfang  – WIR

Im Anfang –  ICH BIN BEI DIR

Im Anfang  – GOTT

 

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Der Geist und die Braut aber sagen: Komm! Wer hört, der rufe: Komm! Wer durstig ist, der komme. Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens. (Offb 22,17)

Nach längerer Pause setzen wir heute unsere Betrachtungen über wichtige Aussagen aus der Apokalypse fort.

Bei den bisherigen Aussagen, die ich wählte, war es Jesus Christus, der sprach, der ermutigte, herausforderte, tröstete – und immer wieder mit den Worten „Ich bin“ auf den Namen Jahwe hinwies, ja sich mit diesem Namen identifizierte, wie der erfahrene Bibelleser leicht merken kann. („Fürchte dich nicht, ich bin es, der Erste und der Letzte…“, „Ich bin das Alpha und das Omega…“, „Siehe, ich komme bald…“, „Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids…“, „Ich bin der strahlende Morgenstern…“)

Heute haben „der Geist und die Braut“ das Wort und sprechen ähnlich einladend. Der Geist und die Braut – wer ist das? Der Geist, das ist natürlich der Heilige Geist, Gottes Geist, den wir als die Dritte Person der Dreifaltigkeit anbeten, die Liebe in Person, die “Vater” und “Sohn” verbindet und sich in unsere Herzen ergießt. Und die Braut? Das ist die Kirche, in der diese göttliche Liebe, der Heilige Geist, wirkt. Das heißt natürlich nicht, dass die Kirche perfekt ist, dass nur Liebe in ihr wirkt. Es heißt nur, dass Gottes Geist in ihr wirkt – wenn auch daneben mancher Ungeist immer noch in ihr tobt, der aus heidnischen Resten im Denken, Erinnern und Wollen stammt. Dann denkt man sich seine eigene Welt zurecht, klebt an alten Verletzungen, will mit dem Kopf durch die Wand…  und übertüncht alles fromm. Das ist nicht der Geist Gottes, sondern ein Ungeist (schreckliches Wort).  Aber auf “Ungeister” brauchen wir ja nicht zu hören.

Sie beide, der Geist und die Braut in ihrem Glauben, Hoffen und Lieben, rufen uns zu: „Komm!“

Wie im Stereo werden wir also gerufen. Oder im Kanon. Und wir setzen den Kanon fort. Oder noch besser: die Fuge. Denn ein Kanon dreht sich immer nur im Kreis, aber eine Fuge hat ein Ziel. Interessant, dass die Apokalypse nicht dazu aufruft, nach dem Hören des Rufes direkt aufzuspringen, sondern dazu einlädt, sich erst umzuschauen, ob wir nicht den Ruf gleich an andere weitergeben und vielleicht sogar jemand mitnehmen können. Ähnlich war es ja auch bei der Berufung der Apostel. Zuerst wurde der Apostel Andreas von Jesus angesprochen. Dieser hörte es und sagte es seinem Bruder Petrus weiter, der hörte auch und rief es wieder einem anderen zu u.s.w.  So entstand und wuchs ganz organisch die Gemeinschaft der Gläubigen, die Kirche.

Wer bei Facebook ist, kennt die Funktion „gefällt mir“, mit der man das, was einen anspricht, direkt markieren, weitergeben, andere darauf aufmerksam machen kann. „Liken“ nennt man das inzwischen auf „Denglisch“. Na ja, man braucht sich mit dem Ausdruck nicht anzufreunden. Aber die Sache entspricht einem tiefen Bedürfnis in uns: dem Bedürfnis nach Mitteilung, nach Teilen, nach Gemeinschaft. Wenn alle, die überzeugt das Evangelium leben und an der Eucharistiefeier teilnehmen, es schaffen könnten, auch nur eine Person, die sie für offen halten, am nächsten Sonntag zum Mitkommen zu bewegen, würden zumindest an jenem Sonntag doppelt so viele Menschen die frohe Botschaft hören, Eucharistie feiern und vielleicht eine ganze Reihe von ihnen das Heil ahnen, das Gott uns schenken will – ja, auch durch die Kirche!

Haben wir Mut, dieses „Komm“ weiter zu rufen, diese Fuge durch die Zeiten nach der Inspiration des Geistes gemeinsam weiter zu komponieren. Ich denke gerade: Fuge heißt “Flucht”. Denn die eine Durchführung des Themas jagt die andere. Das Wort “Flucht” klingt ein wenig negativ, aber das macht die Dynamik der Fuge aus. Das Thema zieht sich durch alle Stimmen, aber nicht gleichzeitig. Mal taucht es im Tenor auf, dann im Alt, dann wieder im Sopran, schließlich fällt der Bass noch ein… In diesem “Jagen” ist jedoch immer Kontinuität und Gehorsam gegenüber dem Thema, bis die Dynamik in der erweiterten Schlusskadenz ihre Vollendung findet. Ein wirklich schönes Bild für Kirche!

komm –  komm

                     komm – komm

      komm – komm

                                           komm – komm…

Wir müssen unseren Eifer nicht jedem in die Ohren schreien, das würde eher abschrecken. Aber wenn wir spüren, dass ein Mensch sucht, offen und interessiert ist, vielleicht auch leidet und einen Trost braucht, den die Welt nicht geben kann, sollten wir es wagen, dieses „Komm“ ihm weiterzusagen, mit Worten, Gesten, Liedern, Aufmerksamkeiten oder wie auch immer. Im Evangelium heißt es: „Komm und sieh!“ Da wird noch deutlicher, dass der Einzelne zwar deutlich eingeladen wird, aber dann in voller Freiheit kommt, selber sieht und hört, seine Erfahrungen sortiert und Entscheidungen trifft – und vielleicht auch noch andere neugierig macht.

„Proposer la foi“, den Glauben vorschlagen, sagen treffend die französischen Bischöfe… Vorschlagen, noch nicht einmal empfehlen oder gar dazu drängen! Vorschlagen – aber aus ganzem Herzen!

Vielleicht haben wir in diesem Monat die eine oder andere Gelegenheit, das Wagnis des Glaubens vorzuschlagen, in einem wie auch immer ausgedrückten, liebevollen Komm!  – immer wissend, dass Glauben-Können ein Geschenk ist…

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Ich bin der strahlende Morgenstern. (Offb 22,16)

Für den Monat Januar habe ich dieses Wort aus der Apokalypse ausgesucht. Es ist übrigens die unmittelbare Fortsetzung des Wortes vom letzten Monat (Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids.), das uns eher auf das Alte Testament verwies, auf den Ursprung, der Christus letztlich selber ist, während wir jetzt den Blick auf die Zukunft mit Christus richten, zu der alle Menschen eingeladen sind.

An Weihnachten feierten wir, dass Gottes Liebe Mensch wird. Am Epiphaniefest am 6. Januar haben wir gefeiert, dass sie der Welt als solche erscheint, d.h. von den Menschen erkannt wird. Den Menschen geht ein Licht auf, es geht ihnen auf, was da eigentlich geschehen ist!

Die drei Weisen aus dem Morgenland vertreten die heidnische Welt, also die Welt außerhalb des Judentums, zu der die meisten von uns gehören. Damit ist klar: Die Botschaft gilt für die ganze Welt. Und wo sie einmal erkannt wird, ist sie nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Wenn im Buch der Apokalypse Christus sich selbst als der strahlende Morgenstern bezeichnet, inmitten von viel Dunkelheit, die die Menschen umgibt, dann will er damit sagen: Ihr seid nicht alleine. Ich weise euch den Weg. Ich bin eure Zukunft. Eure Nacht endet nicht im Nichts, nicht im ewigen Dunkel, sondern ICH BIN BEI EUCH und führe euch in einen neuen Morgen.“

Jesus Christus bezeichnet sich hier nicht als strahlende Morgensonne, sondern als strahlender Morgenstern. Warum? Die aufgehende Sonne würde doch besser zu ihm passen, und in der Tat ist Christus ja oft als die „Sonne des Heils“ bezeichnet worden! Nicht umsonst legte man das Weihnachtsfest ausgerechnet in die Zeit der Sonnenwende, wenn die Römer den „Sol invictus“, die unbesiegbare Sonne feierten. Christus wird also mit dieser unbesiegbaren Sonne verglichen. Warum dann hier das so bescheidene Bild des Morgensternes, nicht mehr als ein weißer Punkt am Nachthimmel, der zwar am Horizont strahlt, aber die Dunkelheit noch nicht vertreibt?

Mich erinnert das unwillkürlich an die Eucharistie. Auch wenn wir noch so sehr versuchen, mit glänzenden Strahlenmonstranzen, Kerzen und Blumen „nachzuhelfen“ – diese Art der Gegenwart Christi bleibt höchst bescheiden und „glanzlos“. Sie überwältigt nicht, sie lädt ein. Sie tritt auf unter den Bedingungen unseres Daseins, und lässt uns völlige Freiheit, ob wir uns auf diese Art des Entgegenkommens Gottes einlassen oder nicht. Ob wir seine unfassbare, Leib gewordene Liebe anbeten, die sich tief in unser Wesen einsenkt, oder lieber dabei bleiben, dass wir bloß ein nichtssagendes Stück Brot sehen und weiter unserer Wege gehen, als gäbe es diese Geste Gottes nicht.

Christus begegnet uns in einer Weise, die unsere Realität annimmt. Er sagt uns damit: „Ich bin bei euch, ich gehe mit euch. Ich bin euer Licht, euer Lebensbrot und euer Ziel. Er schaut uns an, aber er blendet uns nicht. Er lädt uns ein, aber er zwingt uns nicht. Er öffnet uns sein Herz, er überstrahlt uns nicht. Er klopft an und lässt sich von uns aufnehmen,  er verschafft sich nicht gewaltsam Zutritt in unser Leben. Das ist der einzige Grund, warum der Weg des Glaubens uns immer so viel Entscheidung abverlangt, oft unter Anstrengung, obwohl wir uns doch eigentlich geborgen wie Kinder und bedingungslos geliebt wissen dürfen. Das Entscheiden ist aber kein einsamer, verbissener Kraftakt, sondern ein Sich-Einlassen, eine Antwort auf sein Klopfen, ein Ausdruck der Freiheit.

Lassen wir uns ein auf eine so zarte Liebe, die dennoch nicht schwach ist, sondern das Potenzial des Urknalls und der Erneuerung der ganzen Schöpfung in sich trägt. Eine ganze Ewigkeit trägt sie in sich ­- ja, sie IST diese Ewigkeit!

 

    

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