Das Wort ist ganz nah bei dir.

Oktober 14th, 2013

Heute melde ich mich wieder bei Ihnen mit dem Thema der Dynamik der Eucharistiefeier. Letztes Mal war ich beim Tagesgebet stehengeblieben und verglich es mit einem wichtigen Element in menschlichen Begegnungen: wenn wir nach Begrüßung und „Wie geht’s?“ in knappen Worten zusammenfassen, was uns gerade angeht oder unser Gegenüber interessieren könnte, um damit möglichst zu einem Dialog überzuleiten. Natürlich hinkt der Vergleich ein wenig, aber es geht mir darum, aufzuzeigen, dass „Eucharistiefeier“ eine Feier der Begegnung ist, und zwar in dichtester Weise. Und wie bei jeder Begegnung, gibt es auch bei der Eucharistiefeier eine Dynamik, Elemente, die die Begegnung einleiten und die Spannung auf einen Höhepunkt hin führen.

Nun also beginnt mit der Lesung ein Dialog. Wir setzen uns und hören zu, was Gott uns sagen will. Er spricht zu uns durch die Heilige Schrift. Das ist nicht so gemeint, als wäre jedes Wort der Lesung vom Himmel diktiert. Aber schon so, dass Gottes Geist durch die Worte der Schrift hindurch spricht. Und zwar genau in dem Moment, wo wir ihm zuhören. Was ist da der Unterschied?

Gottes Geist bedient sich der Worte der Menschen, auch wenn sie begrenzt und zunächst zeitbedingt sind. In den Geschichten der Heiligen Schrift, die uns erzählt werden – auch wenn manche davon zunächst etwas fremd auf uns wirken –, können wir uns selbst entdecken. Plötzlich treffen sie uns, gewinnen Farbe und sind hochaktuell… Diese Worte sind keine „Infos“, sie sind Träger einer Gegenwart, so etwas wie „links“ in die Vernetzung von Himmel und Erde, in die wir durch das aufmerksame Zuhören sozusagen „online“ gehen und antwortend mitmachen können. (Die Internetmuffel mögen mir diesen Vergleich verzeihen…)

Als junges Mädchen empfand ich einmal folgenden Schrifttext wie einen wichtigen „Link“, um mich für Gottes Wort und Gegenwart zu öffnen. Damals gab es zwar noch kein Internet, daher nannte ich es natürlich nicht „link“. Aber es faszinierte mich, wie leicht es eigentlich ist, mit Gott in Kontakt zu kommen. Er selbst hat es uns leicht gemacht, weil er uns nahe ist. So leicht, wie es heute ist, auf einen Link zu klicken, der einem Zugang in die virtuelle Welt ermöglicht. Wie wir mit dieser Möglichkeit dann umgehen, ist noch eine andere Frage. Aber zunächst ist es wichtig zu wissen, wie nahe Gott uns von sich aus ist, wie leicht es ist, in Gemeinschaft mit ihm zu sein, auf ihn zu hören und umzusetzen, was er uns sagt. Es fordert uns zwar ganz, überfordert uns aber nicht. Wir müssen nur hören, vertrauen und konsequent sein.

„Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, so dass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, so dass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“
(Dtn 30. 11-14)

Bitten Sie Gott, Ihr Herz zu öffnen, damit Sie auf ihn hören können.

Welche Ausdrücke und Bilder sprechen Sie spontan an in diesem kleinen Bibeltext?

Wiederholen Sie diese Ausdrücke einige Male still vor sich hin und hören Sie ihrem “Echo” nach.

Lesen Sie daraufhin noch einmal langsam den Text, am Besten auch mit ihrer Stimme.

Hören Sie eine Weile einfach nur auf die Stille, auf die Atmosphäre, die dieser kleine Text in Ihnen ausgelöst hat.

Wenn es Ihnen möglich ist, sagen Sie Gott, was Ihnen nach dieser kleinen Meditation auf dem Herzen brennt. Sollte Ihnen nichts Besonderes einfallen, ist es nicht schlimm. Sie können auch einfach sagen: „Guter Gott, ich danke Dir, dass Dein Wort ganz nahe bei mir ist, es ist in meinem Mund und in meinem Herzen, ich kann es halten.“

Collecta

Oktober 14th, 2013

Nein, ich meine nicht die Kollekte, sondern das „Tagesgebet“. Auf Lateinisch nennt man dieses Element der Heiligen Messe „Collecta“, was soviel heißt wie „das Gesammelte“ oder „die Sammlung“.

Vergegenwärtigen wir uns noch einmal kurz den Beginn des Gottesdienstes. Da war der Gruß (Kyrie), der zu jeder menschlichen Begegnung auch gehört, da war der Bußakt, den ich nicht eigens thematisiert, aber in der Betonung des Erbarmens Gottes, das uns geschenkt ist, schon als Haltung fokussiert habe. Auch das kennen wir doch aus menschlichen Begegnungen: Wir vergegenwärtigen uns kurz, wie es uns geht, ob wir und unser Gegenüber „beziehungsbereit“ sind. Auch wenn das in alltäglichen Begegnungen nicht ausdrücklich beabsichtigt wird, schwingt in jedem „Wie geht’s?“ die Frage irgendwie mit: „Bist du bereit, mir zu begegnen?“ So tasten wir uns behutsam in die Begegnung vor. Das ist auch der Sinn des Schuldbekenntnisses zu Beginn der Heiligen Messe. Wir fragen uns, ob wir bereit sind, Gott zu begegnen, der uns eingeladen hat, nehmen in den Blick, was der Begegnung im Weg steht und vertrauen uns mit unseren Fehlern und Grenzen seiner Güte an. Und dann bricht der Lobpreis aus, in dem wir uns lobend, preisend, anbetend, rühmend, dankend und bittend nach diesem DU ausrichten, nach Christus, dem Heiligsten, dem Kyrios, dem Höchsten unseres Lebens.

Lob ist übrigens auch ein wichtiges Element bei menschlichen Begegnungen. Man trifft sich, begrüßt sich, fragt nach dem Befinden und sagt dann häufig wie von selbst: „Gut siehst du aus!“ „Schön, dass du gekommen bist!“ „Ich freu mich, dich zu sehen!“ Es bricht heraus, völlig absichtslos. Manche sagen es auch ohne ausdrückliche Worte, mit einem wohlwollenden Blick oder einer Geste, das ist genau so gut. Es kommt einfach aus dem Herzen, wenn man sich mag. Haben wir etwas Zeit und wünschen mehr als eine flüchtige Begegnung, dann sammeln wir in der Regel rasch ein paar Dinge, die uns so beschäftigen, und die in ein längeres Gespräch weiterführen können, was dann auch dichter und persönlicher wird.

„Ein paar Dinge sammeln“, das ist auch der Sinn des Tagesgebetes, der „Colleta“. Natürlich nicht irgendwas, sondern schon Wesentliches, das in knappen Worten umrissen wird. Wir sammeln das, was uns zuinnerst angeht, was aber im Alltag oft unter vielen Beschäftigungen verschüttet ist. Und wir sammeln es gemeinsam. Was uns zuinnerst angeht, also ganz persönlich, das geht uns auch gemeinsam an. So sammeln wir nicht allein unsere persönlichen „Energien“, Gedanken und Aspirationen oder was auch immer für unsere private Andacht, sondern ebenso uns als Gemeinde, als wäre sie ein großer Organismus, der seine Kräfte sammelt. Ist sie ja auch! Natürlich würde wahrscheinlich jeder und jede in der Gemeinde mit anderen Worten ausdrücken, was sie zuinnerst angeht: Die einen würden es mehr philosophisch sagen, die anderen gefühlsbetont, wieder andere mit Hilfe von Symbolen, Zeichen und Gesten oder mit kurzen verblüffenden Worten, wie sie nur „die Kleinen und Unmündigen“ finden. Aber alle meinen es – genau das. Ja, was denn? Ich lade Sie ein, durch die eher nüchternen Worte der Kirche in den Tagesgebeten der kommenden Wochen hindurch im Einklang mit Ihren eigenen tiefsten Strebungen zu erspüren, was Sie zuinnerst angeht, was für Sie „Lebensthema“ ist.

Zugegeben, mancher empfindet die Worte der Kirche als sperrig, so sehr sich die Liturgiker auch bemüht haben, gute Worte zu finden, was ihnen meiner Ansicht nach oft gelungen ist. Nur ist es schon eine Weile her, dass sie diese Texte geschrieben haben… Trotzdem: Es ist möglich, aus den liturgischen Worten – im Einklang mit dem Herzen – zu erspüren, was mich zuinnerst angeht. Ich empfehle, jeden Tag einen Gedanken aus dem Gebet der jeweiligen Woche (oder auch anderer Sonntage) zu nehmen, etwa: „Pflanze in unser Herz die Liebe zu deinem Namen“. Was kann das für mich heißen? „Erhalte, was du gewirkt hast.“ Was ist es denn sein? Oder: Wo habe ich „die Macht deiner Liebe“ an mir erfahren?

22. Woche im Jahreskreis (ab 1. September): Allmächtiger Gott, von dir kommt alles Gute. Pflanze in unser Herz die Liebe zu deinem Namen ein. Binde uns immer mehr an dich, damit in uns wächst, was gut und heilig ist. Wache über uns und erhalte, was du gewirkt hast.

23. Woche im Jahreskreis (ab 8. September): Gütiger Gott, du hast uns durch deinen Sohn erlöst und als deine geliebten Kinder angenommen. Sieh voll Güte auf alle, die an Christus glauben, und schenke ihnen die wahre Freiheit und das ewige Erbe.

24. Woche im Jahreskreis (ab 15. September): Gott, du Schöpfer und Lenker aller Dinge, sieh gnädig auf uns. Gib, dass wir dir mit ganzem Herzen dienen und die Macht deiner Liebe an uns erfahren.

25. Woche im Jahreskreis (ab 22. September): Heiliger Gott, du hast uns das Gebot der Liebe zu dir und zu unserem Nächsten aufgetragen als die Erfüllung des ganzen Gesetzes. Gib uns die Kraft, dieses Gebot treu zu befolgen, damit wir das ewige Leben erlangen.

DU!

August 9th, 2013

Heute setze ich die Gedanken zu liturgischen Texten der Eucharistiefeier fort. Vielleicht haben Sie sich aber gewundert, als Überschrift nicht „Gloria in excelsis Deo“ zu lesen, sondern nur zwei Buchstaben: D U – das wichtigste Wort in unserem Leben und nicht zuletzt das wichtigste im „Gloria“.

Das Wort „Du“ (oder „Tu“ auf Latein), kommt im Ordinarium[1] der Messe nur in einem Element vor: im Gloria.  Es kommt dort aber gleich dreimal vor, wobei dieses dreimalige „DU“ sich ausdrücklich an Christus richtet, aber an Christus im Beziehungsgeflecht der Dreifaltigkeit, womit der Gloria-Gesang auch feierlich ausklingt: „Denn DU allein bist der Heilige, DU allein der Herr, DU allein der Höchste, Jesus Christus, mit dem Heiligen Geist, zur Ehre Gottes des Vaters. Amen.“

Mir ist bewusst, dass es im heutigen religiösen Ambiente nicht gerade selbstverständlich ist, das „Gloria“ als Impuls für persönliche Gebetszeiten vorzuschlagen. Wir Menschen kommen in dem Text ja „nur“ als Lobende, Preisende, Anbetende und Rühmende vor, nicht als die, die jetzt mal endlich aus der Hektik des Alltags zur Ruhe kommen sollen, die beim lieben Gott ihre Seele ein wenig baumeln lassen dürfen, die mit Hilfe des Gebetes Lebensknoten lösen oder bewusster leben wollen. Nichts gegen all das! Aber im Gloria sind solche verständlichen menschlichen Verzweckungen des Gebetes kein Thema. Es ist, als reiner Lobpreis, wie die Anbetung, völlig zweckfrei… Als Bittende kommen wir zwar auch vor („Erbarme dich unser“, „Nimm an unser Gebet“), aber man hat den Eindruck, es geht da nicht so sehr um uns, es geht um Christus, dessen Erbarmen hervorgehoben und gepriesen wird.

Aber was heißt das – es geht um Christus, um Gott? Es wäre doch abwegig, das Erbarmen Gottes gegen unsere legitimsten Bedürfnisse auszuspielen! Wenn wir das Erbarmen Christi hervorheben, dann doch nur, weil wir es als befreiend, tröstend, erfüllend erfahren haben! Als Lobende, Preisende, Anbetende, Rühmende und Bittende sind wir Betroffene, die allen Grund haben, Gott zu loben, zu preisen, anzubeten, zu rühmen – und zu bitten, auch aufgrund sehr persönlicher Erfahrungen. Und wir tun es gemeinsam mit den anderen, – auch wenn sie uns manchmal nerven – und finden darin eine Ahnung von Freiheit, von Erfüllung.  

Ja, es geht um Gott. DU allein der Höchste! Aber ihm liegen wir am Herzen. Deshalb singen wir auch: „… und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade“.  In wörtlicher Übersetzung müsste es heißen: „… und Friede auf Erden den Menschen guten Willens“. Der Satz will so etwas wie eine Gratulation sein. Gott wird gelobt, den Menschen wird gratuliert für den Frieden, den Gott ihnen schenkt. Wer sich von dieser Gratulation ansprechen lässt, der ist schon ein Mensch „guten Willens“, der ist von „seiner Gnade“ bereits berührt und kann loben, preisen, anbeten, rühmen, danken und bitten.

Von seiner Gnade getroffen sein, das ist so etwas wie ein Aha-Erlebnis – oder noch besser: „Wow!-Erlebnis“  – tief im Herzen. Ich betone: tief im Herzen, denn es ist nicht einfach ein frommer Kick oder eine Gefühlsduselei. Es ist etwas sehr Existenzielles, als würde sich tief innen staunend eine Knospe öffnen, eine bislang verschüttete Quelle sprudeln, etwas ans Licht kommen, was lange in Geburtswehen lag. Ohne dass wir irgendetwas groß geleistet hätten, finden wir uns mitten in der Gottesbeziehung wieder. Wir begreifen, dass Leben ganz wesentlich geschenkte Beziehung ist, und zwar über den Horizont dieser Welt hinaus. Es ist, auch im Leid, Ausgerichtet-Sein auf das DU Gottes, das uns die Augen öffnet und uns auch einander als DU‘s erkennen und mit seiner Kraft beistehen lässt.

In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch!   

 

 

 



[1] Unter „Ordinarium“ versteht man die textlich feststehenden Gesänge der Eucharistiefeier: Kyrie (Herr, erbarme dich), Gloria (Ehre sei Gott), Credo (Glaubensbekenntnis), Sanctus (Heilig) und Agnus Dei (Lamm Gottes).

Kyrie eleison!

August 9th, 2013

Eucharistische Anbetung findet normalerweise außerhalb der Liturgie statt, es sei denn, sie ist „guidée“ (geführt), wie die Franzosen sagen, also selbst liturgisch gestaltet mit gemeinsamen Gebeten, Texten und Gesängen. Für die meisten, die sie heute praktizieren, wird sie im Alltag eher in der Stille geschehen. Aber die eucharistische Gegenwart Christi, den wir in unseren Anbetungsstunden verehren, ist ja ohne die vorangegangene Eucharistiefeier undenkbar, und ebenso undenkbar wäre eine eucharistische Anbetung ohne inneren Bezug zur Liturgie. Die stille Anbetung ist wie ein Nachhall der liturgischen Feier, eine Vertiefung, ein „Sich-Setzen“ dieses Geschehens, ein liebendes Verweilen bei dem, der uns so geliebt hat, ein sanfter Hinübergang in den Alltag. Das tut dem Sendungsauftrag, mit dem wir am Ende der Feier in die Welt entlassen werden, keinen Abbruch – im Gegenteil! Denn beim stillen Verweilen vor dem Herrn ist die ganze Welt mit Ihm und uns gegenwärtig. Es ist so ähnlich, wie wenn man nach einem Mahl mit Freunden noch länger am Tisch zusammensitzt oder nach dem Abräumen sich noch einmal hinsetzt und sich austauscht, obwohl das Mahl längst fertig ist. Gerade dann entstehen oft die tiefsten Gespräche, vertrauen wir einander die wichtigsten Sorgen um unsere Liebsten an, kommen uns und unseren Gesprächspartnern die besten Ideen. Man geht danach anders in den Alltag, als wenn man nach dem Mahl sofort aufgesprungen wäre und die Ärmel gleich hochgekrempelt hätte. Diese Gedanken haben mich veranlasst, in der nächsten Zeit in meinen Impuls-Vorschlägen die Texte der Eucharistiefeier etwas in den Blick zu nehmen.

Kyrie eleison – Herr, erbarme dich! Wie Sie wissen, ist das „Kyrie“ das erste Element des Ordinariums der Eucharistiefeier, also der „festen“, textlich immer gleichen Teile. Im römischen Reich wurde mit diesem Ruf der Kaiser vom Volk begrüßt, wenn er von einer Schlacht zurückkam. Für die Christen war aber nicht der Kaiser ihr Herr, sondern Christus. Daher übertrugen sie diesen Ruf auf ihren Herrn und Gott, den auferstandenen Christus.

Ja, auch der auferstandene Christus kommt aus einer Schlacht! Die Schlacht gegen den Tod, gegen die Gottesferne, gegen die höllische Beziehungslosigkeit, gegen das tief sitzende Misstrauen, das uns gefangenhielt. Diese Schlacht hat ihn alles gekostet, sogar das Leben. Aber seine Liebe, die noch stärker ist, hat gewonnen im Kampf zwischen Tod und Leben. Er bringt uns den Siegespreis mit: ein neues Vertrauen in den liebenden Gott, der uns wie ein Vater und wie eine Mutter liebt – mehr noch als sie! –, eine neue Freiheit, eine tiefe Berührung und innere Salbung durch die Liebe, die er selber IST, eine neue Hoffnung, die durch nichts mehr zerstört werden kann, eine neue Gemeinschaft. Und das wollen wir gemeinsam feiern! Wer kann da noch teilnahmslos wie ein Wurm „Hrr, erbrm dch“ vor sich hin brummen?

Aber natürlich gehört das Wort „Erbarmen“ schon auch zum Kyrie-Gruß. Wir sind keine armen Würmer, aber wir begrüßen Christus auch nicht wie reiche Geschäftsleute. Wir sind uns unserer Armut bewusst. Es hat also schon etwas mit Erbarmen zu tun, wenn Christus „von seiner Schlacht zurückkommt“ und uns begegnet. Nur sein unendliches Erbarmen mit uns hat diese Schlacht gewonnen. Wir müssen keine kriechenden Würmer sein, um uns dessen bewusst zu sein, dass wir ohne ihn nicht leben können. Oder sagen wir besser: dass Er unser LEBEN IST! Denn Leben ist Vertrauen, Liebe, Freiheit, Berührung, innere Salbung, Hoffnung. Das alles ist Christus für uns. Erbarmen meint, christlich verstanden, nicht eine schleimige Herablassung, kein butterweiches Augen-Zudrücken, kein profilloses „Lass’se gehen!“, sondern es ist Kraft der Erneuerung, Neuschöpfung, eine warme, bedingungslos liebende Präsenz. Das kennen wir doch, wie verblüffend erneuernd und stärkend es sein kann, wenn Menschen uns in einer Not – auch wenn sie selbst verschuldet ist – verstehend beistehen! Das wirkt doch Wunder – auch Wunder der Einsicht und Umkehr! Im „Kyrie eleison“ jubeln wir dieser Fleisch und Blut gewordenen Barmherzigkeit Gottes zu, dieser warmen Liebeskraft, die sich durch nichts davon abbringen lässt, uns weiter und immer neu zu lieben – ohne irgendetwas aus unserem Leben zu beschönigen oder zu vertuschen. Wir nehmen sie dankbar an, wissend, dass wir sie nicht verdient haben, und öffnen ihr unser Herz.

Von diesem Geist der Dankbarkeit mögen auch unsere Anbetungsstunden geprägt sein. Denken wir daran, zu Beginn unserer Gebetszeit Christus aus ganzem Herzen zu grüßen. Tun wir es, bevor wir alle Energie darin verwenden, uns brav zurechtzusetzen (oder –knien) und uns mühsam zu sammeln, als ob da keiner wäre, der sich über unser Kommen freut. Es geht nicht bloß um Höflichkeit. Der Gruß ist schon eine entscheidende erste Öffnung, ein Ernstnehmen meines Gegenübers, den ich mit meinem Gruß erfreue – auch Jesus.

„Verkosten wir Gott, aber mit einem göttlichen Geschmackssinn, denn unsere Sinne sind dazu nicht in der Lage. Verkosten wir diesen lieblichen Geschmack, Gott, der uns, anders als die Menschen, mit ewiger Liebe liebt. Brennt vor Liebe zu ihm. Brennt, entfacht das Feuer in euch und geht nicht mehr weg, um euch bei euren Nachbarn zu zerstreuen.” (Mechtilde de Bar)

Juni 15th, 2013

Gott verkosten? Die Versuchung ist groß, sich gleich nach diesen Worten von Mechtilde de Bar zu sagen: Die da lebte in dulci jubilo, ich nicht – ergo: nix für mich! Mechtilde lebte aber alles andere als in dulci jubilo. Sie kannte gut die Erfahrung des Schmerzes, der Ungesichertheit, des Nichts, sogar die Erfahrung, die nicht wenige Menschen kennen – selbst Jesus kennt sie! –, sich so zu fühlen, als wären sie von Gott verlassen, abgeschrieben, jedenfalls nicht geborgen bei ihm. Mechtilde kannte das Kreuz aus eigener Erfahrung und aus der Erfahrung mit anderen Menschen, deren Kreuz sie liebevoll umarmte – in der Begegnung mit ihnen und im Gebet. Das alltägliche Leid der kleinen Leute, der Flüchtlinge, der Hungernden, der an Gott Verzweifelnden…

So kurz nach Pfingsten, dem Dreifaltigkeitssonntag, Fronleichnam und dem Herz-Jesu-Fest finden wir wichtige Spuren, um zu erahnen, wen wir da eigentlich verkosten dürfen. Der Geschmacksinn, den wir brauchen, um Gott zu verkosten, ist Gott selbst, sein Geist in uns, der Heilige Geist, dessen Kommen wir an Pfingsten gefeiert haben. Auf den können wir uns verlassen…

Verkosten wir diesen lieblichen Geschmack – Gott

Der Ewige Gott – ein lieblicher Geschmack? Ist es denn nicht zu banal, den Schöpfer des Himmels und der Erde mit einem lieblichen, flüchtigen Geschmack zu vergleichen? Gott ist doch kein Stück Schokolade! Nein, natürlich nicht. Aber Gott gibt sich zu erkennen. Er lässt sich von uns wahrnehmen. Mit zarter Kraft. „Fortiter suaviterque“, heißt es im Advent: stark und mild zugleich. Weder wuchtig, noch zaghaft. Stärker als alle Wucht des Leidens und Sterbens, milder und belebender als alles, was wir „Softies“ von heute uns als mild und belebend auch nur vorstellen können. Unsere Wellness-Tempel und Kuschelecken auf Erden sind nichts  gegenüber dem erneuernden Hauch des Heiligen Geistes!

Warum? Lesen wir einfach weiter: „Gott liebt uns.“ Darum geht es. Hoffentlich kennen wir alle die Erfahrung, geliebt zu sein. Und wenn wir sie nicht kennen, kennen wir zumindest die Sehnsucht danach. Aber wir kennen auch die Enttäuschung. Da meinten wir, von einem Menschen geliebt zu sein und merkten plötzlich: Nein, doch nicht. Das ist bitter. So bitter, dass es uns darüber schwer fällt, an Gottes Liebe zu glauben. Das weiß Mechtilde. Und trotzdem sagt sie es: Gott liebt uns mit Ewiger Liebe und nicht so wie die Menschen, die schnell müde werden, sobald das Lieben ihnen unbequem wird.

Sie, die Sie dies lesen, wissen sich vielleicht geliebt und geborgen in Gott oder haben zumindest schon einmal diese Erfahrung gemacht. Oder auch nicht, und Sie sind ganz zufällig auf diesen Text gestoßen. Als Kind unserer Zeit kennen sie möglicherweise auch zynische Einwände wie diesen: Gott? Was sollen ihn unsere kleinen Sünden kratzen, er kann ja selig weiterlieben aus dem Elfenbeinturm heraus, während wir uns hier die Köpfe einschlagen. Er blutet davon nicht! Doch das Herz Jesu, aus dem Blut und Wasser fließen (vgl. Joh 19,34),  spricht eine andere Sprache… Gott in dulci Jubilo, unberührt von unserem Schweiß und Schmerz, von Blut und Tränen? Nein!!!!

Wer berührt ist von dem Weg, den Gott in Jesus Christus für uns gegangen ist, der kann fast nichts anderes als „vor Liebe zu ihm zu brennen“, wie Mechtilde weiter sagt. Aber auch wenn wir brennen – oder gerade dann – ist die Versuchung groß, bald wieder von ihm wegzugehen und sich „beim Nachbarn zu zerstreuen“. Die neuesten Neuigkeiten erfahren, ein bisschen über andere lästern, sich ein bisschen wichtig fühlen, ein bisschen angeben oder knatschen, ein bisschen Zoff haben… Gott auszuhalten ist nicht bequem. Vor ihm ausweichen ist immer möglich. Es geht auch nicht gleich die Welt davon unter. Aber sie bleibt um wichtige Erfahrungen, die erstaunliche Kreise ziehen könnten, ärmer, kälter und dunkler…

Etwas ganz anderes ist natürlich: in der Begegnung mit Menschen Gott erspüren. Das ist kein Ausweichen. Im Gegenteil! Beten wir in unseren Gebetszeiten besonders für die Menschen, denen wir täglich begegnen. Das wird uns sensibel machen, um in ihnen Gottes Spuren wahrzunehmen und seine Liebe zu verkosten.

Der Geist und die Braut aber sagen: Komm! Wer hört, der rufe: Komm! Wer durstig ist, der komme. Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens. (Offb 22,17)

April 30th, 2013

 

Nach längerer Pause setzen wir heute unsere Betrachtungen über wichtige Aussagen aus der Apokalypse fort.

Bei den bisherigen Aussagen, die ich wählte, war es Jesus Christus, der sprach, der ermutigte, herausforderte, tröstete – und immer wieder mit den Worten „Ich bin“ auf den Namen Jahwe hinwies, ja sich mit diesem Namen identifizierte, wie der erfahrene Bibelleser leicht merken kann. („Fürchte dich nicht, ich bin es, der Erste und der Letzte…“, „Ich bin das Alpha und das Omega…“, „Siehe, ich komme bald…“, „Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids…“, „Ich bin der strahlende Morgenstern…“)

Heute haben „der Geist und die Braut“ das Wort und sprechen ähnlich einladend. Der Geist und die Braut – wer ist das? Der Geist, das ist natürlich der Heilige Geist, Gottes Geist, den wir als die Dritte Person der Dreifaltigkeit anbeten, die Liebe in Person, die “Vater” und “Sohn” verbindet und sich in unsere Herzen ergießt. Und die Braut? Das ist die Kirche, in der diese göttliche Liebe, der Heilige Geist, wirkt. Das heißt natürlich nicht, dass die Kirche perfekt ist, dass nur Liebe in ihr wirkt. Es heißt nur, dass Gottes Geist in ihr wirkt – wenn auch noch daneben mancher Ungeist immer noch in ihr tobt, der aus heidnischen Resten im Denken, Erinnern und Wollen stammt. Dann denkt man sich seine eigene Welt zurecht, klebt an alten Verletzungen, will mit dem Kopf durch die Wand… Aber auf “Ungeister” brauchen wir ja nicht zu hören.

Sie beide, der Geist und die Braut in ihrem Glauben, Hoffen und Lieben, rufen uns zu: „Komm!“

Wie im Stereo werden wir also gerufen. Oder im Kanon. Und wir setzen den Kanon fort. Oder noch besser: die Fuge. Denn ein Kanon dreht sich immer nur im Kreis, aber eine Fuge hat ein Ziel. Interessant, dass die Apokalypse nicht dazu aufruft, nach dem Hören des Rufes direkt aufzuspringen, sondern dazu einlädt, sich erst umzuschauen, ob wir nicht den Ruf gleich an andere weitergeben und vielleicht sogar jemand mitnehmen können. Ähnlich war es ja auch bei der Berufung der Apostel. Zuerst wurde der Apostel Andreas von Jesus angesprochen. Dieser hörte es und sagte es seinem Bruder Petrus weiter, der hörte auch und rief es wieder einem anderen zu u.s.w.  So entstand und wuchs ganz organisch die Gemeinschaft der Gläubigen, die Kirche.

Wer bei Facebook ist, kennt die Funktion „gefällt mir“, mit der man das, was einen anspricht, direkt markieren, weitergeben, andere darauf aufmerksam machen kann. „Liken“ nennt man das inzwischen auf „Denglisch“. Na ja, man braucht sich mit dem Ausdruck nicht anzufreunden. Aber die Sache entspricht einem tiefen Bedürfnis in uns: dem Bedürfnis nach Mitteilung, nach Teilen, nach Gemeinschaft. Wenn alle, die überzeugt das Evangelium leben und an der Eucharistiefeier teilnehmen, es schaffen könnten, auch nur eine Person, die sie für offen halten, am nächsten Sonntag zum Mitkommen zu bewegen, würden zumindest an jenem Sonntag doppelt so viele Menschen die frohe Botschaft hören, Eucharistie feiern und vielleicht eine ganze Reihe von ihnen das Heil ahnen, das Gott uns schenken will – ja, auch durch die Kirche!

Haben wir Mut, dieses „Komm“ weiter zu rufen, diese Fuge durch die Zeiten nach der Inspiration des Geistes gemeinsam weiter zu komponieren. Ich denke gerade: Fuge heißt “Flucht”. Denn die eine Durchführung des Themas jagt die andere. Das Wort “Flucht” klingt ein wenig negativ, aber das macht die Dynamik der Fuge aus. Das Thema zieht sich durch alle Stimmen, aber nicht gleichzeitig. Mal taucht es im Tenor auf, dann im Alt, dann wieder im Sopran, schließlich fällt der Bass noch ein… In diesem “Jagen” ist jedoch immer Kontinuität und Gehorsam gegenüber dem Thema, bis die Dynamik in der erweiterten Schlusskadenz ihre Vollendung findet. Ein wirklich schönes Bild für Kirche!

komm -  komm

                     komm – komm

      komm – komm

                                           komm – komm…

Wir müssen unseren Eifer nicht jedem in die Ohren schreien, das würde eher abschrecken. Aber wenn wir spüren, dass ein Mensch sucht, offen und interessiert ist, vielleicht auch leidet und einen Trost braucht, den die Welt nicht geben kann, sollten wir es wagen, dieses „Komm“ ihm weiterzusagen, mit Worten, Gesten, Liedern, Aufmerksamkeiten oder wie auch immer. Im Evangelium heißt es: „Komm und sieh!“ Da wird noch deutlicher, dass der Einzelne zwar deutlich eingeladen wird, aber dann in voller Freiheit kommt, selber sieht und hört, seine Erfahrungen sortiert und Entscheidungen trifft – und vielleicht auch noch andere neugierig macht.

„Proposer la foi“, den Glauben vorschlagen, sagen treffend die französischen Bischöfe… Vorschlagen, noch nicht einmal empfehlen oder gar dazu drängen! Vorschlagen – aber aus ganzem Herzen!

Vielleicht haben wir in diesem Monat die eine oder andere Gelegenheit, das Wagnis des Glaubens vorzuschlagen, in einem wie auch immer ausgedrückten, liebevollen Komm!  - immer wissend, dass Glauben-Können ein Geschenk ist…

Ich bin der strahlende Morgenstern. (Offb 22,16)

Januar 19th, 2013

Für den Monat Januar habe ich dieses Wort aus der Apokalypse ausgesucht. Es ist übrigens die unmittelbare Fortsetzung des Wortes vom letzten Monat („Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids.“), das uns eher auf das Alte Testament verwies, auf den Ursprung, der Christus letztlich selber ist, während wir jetzt den Blick auf die Zukunft mit Christus richten, zu der alle Menschen eingeladen sind.


An Weihnachten feierten wir, dass Gottes Liebe Mensch wird. Am Epiphaniefest am 6. Januar haben wir gefeiert, dass sie der Welt als solche „erscheint“, d.h. von den Menschen erkannt wird. Den Menschen geht ein Licht auf, es geht ihnen auf, was da eigentlich geschehen ist!

 

Die drei Weisen aus dem Morgenland vertreten die „heidnische“ Welt, also die Welt außerhalb des Judentums, zu der die meisten von uns gehören. Damit ist klar: Die Botschaft gilt für die ganze Welt. Und wo sie einmal erkannt wird, ist sie nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

 

Wenn im Buch der Apokalypse Christus sich selbst als der „strahlende Morgenstern“ bezeichnet, inmitten von viel Dunkelheit, die die Menschen umgibt, dann will er damit sagen: „Ihr seid nicht alleine. Ich weise euch den Weg. Ich bin eure Zukunft. Eure Nacht endet nicht im Nichts, nicht im ewigen Dunkel, sondern ich bin bei euch und führe euch in einen neuen Morgen.“

 

Jesus Christus bezeichnet sich hier nicht als strahlende Morgensonne, sondern als strahlender Morgenstern. Warum? Die aufgehende Sonne würde doch besser zu ihm passen, und in der Tat ist Christus ja oft als die „Sonne des Heils“ bezeichnet worden! Nicht umsonst legte man das Weihnachtsfest ausgerechnet in die Zeit der Sonnenwende, wenn die Römer den „Sol invictus“, die unbesiegbare Sonne feierten. Christus wird also mit dieser unbesiegbaren Sonne verglichen. Warum dann hier das so bescheidene Bild des Morgensternes, nicht mehr als ein weißer Punkt am Nachthimmel, der zwar am Horizont strahlt, aber die Dunkelheit noch nicht vertreibt?

 

Mich erinnert das unwillkürlich an die Eucharistie. Auch wenn wir noch so sehr versuchen, mit glänzenden Strahlenmonstranzen, Kerzen und Blumen „nachzuhelfen“ – diese Art der Gegenwart Christi bleibt höchst bescheiden und „glanzlos“. Sie überwältigt nicht, sie lädt ein. Sie tritt auf unter den Bedingungen unseres Daseins, und lässt uns völlige Freiheit, ob wir uns auf diese Art des Entgegenkommens Gottes einlassen oder nicht. Ob wir seine unfassbare, Leib gewordene Liebe anbeten, die sich tief in unser Wesen einsenkt, oder lieber dabei bleiben, dass wir bloß ein nichtssagendes Stück Brot sehen und weiter unserer Wege gehen, als gäbe es diese Geste Gottes nicht.


Christus begegnet uns in einer Weise, die unsere Realität annimmt. Er sagt uns damit: „Ich bin bei euch, ich gehe mit euch. Ich bin euer Licht, euer Lebensbrot und euer Ziel.“ Er schaut uns an, aber er blendet uns nicht. Er lädt uns ein, aber er zwingt uns nicht. Er öffnet uns sein Herz, er überstrahlt uns nicht. Er klopft an und lässt sich von uns aufnehmen,  er verschafft sich nicht gewaltsam Zutritt in unser Leben. Das ist der einzige Grund, warum der Weg des Glaubens uns immer so viel Entscheidung abverlangt, oft unter Anstrengung, obwohl wir uns doch eigentlich geborgen wie Kinder und bedingungslos geliebt wissen dürfen. Das Entscheiden ist aber kein einsamer, verbissener Kraftakt, sondern ein Sich-Einlassen, eine Antwort auf sein Klopfen, ein Ausdruck der Freiheit.

 

Lassen wir uns ein auf eine so zarte Liebe, die dennoch nicht schwach ist, sondern das Potenzial des Urknalls und der Erneuerung der ganzen Schöpfung ins sich trägt. Eine ganze Ewigkeit trägt sie in sich ­– ja, sie IST diese Ewigkeit!

    

Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids. (Offb 22,16)

Dezember 4th, 2012

Das Buch der Johannesoffenbarung (oder Apokalypse) wird offenbar nicht müde, dieses Thema aufzugreifen: Jesus der Erste und der Letzte, das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende, die Wurzel und der Stamm. Kein Wunder, denn das Buch richtet sich an Menschen, die Jesus nicht mehr als Mensch erlebt haben. Es sind die ersten  einer unzählbar langen Pilgerschar, die mittlerweile schon zwei Jahrtausende unterwegs ist. Diese Menschen, zu denen auch wir gehören, können längst nicht mehr sagen: „Wie schön war das, als wir mit ihm durch die Gegend zogen!“ „Ach, ich traf Jesus zufällig bei der Synagoge…“ „Stell dir vor, ich war schwer krank, und er hat mich mit einer bloßen Berührung geheilt!“ Oder auch nur: „Als ich geboren wurde, lebte er noch!“ Oder: „Ich habe seine Mutter kennengelernt – eine faszinierende Frau!“ Nein, diese große Schar muss sich mit der Botschaft zufriedengeben und muss sich immer neu entscheiden, ob sie sie glaubt oder nicht. Allerdings war diese Entscheidung für die Zeitgenossen Jesu nicht weniger fällig – vielleicht sogar noch mehr, denn das häufige Sehen ihres Nachbarn, Cousins, Freundes, des Sohnes des Zimmermanns aus Nazareth, der plötzlich mit göttlicher Vollmacht redete und handelte, war für sie oft irritierend.

 

Viele der Menschen in der großen Pilgerschar, die den Zeitgenossen Jesu folgt, kennen durchaus tiefe Begegnungen mit Jesus – bis heute! –, aber nicht wie mit ihrem Nachbarn (den sie manchmal vielleicht lieber nicht sehen würden…). Ihre Begegnungen mit Jesus erleben sie im Glauben, manchmal überwältigend, manchmal sehr zart und still, oft im „nackten“ Glauben, ohne jedes begleitende Hochgefühl, das wir normalerweise bei einer schönen Begegnung mit einem geliebten Menschen haben.

 

Nach den Bedrängten, den Durstigen und den Starken – vgl. Betrachtungen der letzten Monate – spricht Jesus hier bei dem Satz  „Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids“ die Judenchristen an, aber nicht nur sie, sondern auch uns alle, die wir uns bewusst bleiben sollen, dass wir in den Ölbaum Israel eingepfropft wurden. Die Pilgerreise, auf der wir unterwegs sind, beginnt nicht erst mit Jesus von Nazareth. Das Volk, in das Jesus hineingeboren wurde, ist lange Zeit vorher unterwegs, geführt von eben diesem Gott, der Mensch wird. Noch mehr: Derjenige, um den es geht, der „Logos“, das Wort Gottes, die Zweite Person der Hlst. Dreifaltigkeit, ist schon vor David „aktiv“ gewesen, ja er war schon damals DA, als der ICH-BIN-DA, und er ist auch jetzt DA und wird in Zukunft und für immer DA sein.

 

Wenn wir uns diesem Gott, der sich uns aussetzt, im Gebet aussetzen, denken wir daran, dass wir nicht nur als brave Christen des 21. Jahrhunderts vor ihm sitzen oder knien, sondern auch als Sprösslinge des in den uralten Ölbaum eingepfropften Zweiges. Ich schlage vor, in diesem Monat besonders Röm 11,13-24 zu betrachten (http://www.bibleserver.com/text/EU/R%C3%B6mer11).

 

Vertrauen wir uns Gottes faszinierendem Heilsplan an, den wir bestenfalls nur erahnen können. Wenn das, was wir bereits ahnen – mit der deutenden Hilfe des Paulus – schon so faszinierend ist, wie faszinierend muss dann erst die Wahrheit sein, wenn wir sie GANZ sehen und begreifen werden!

Nehmen wir diese Gedanken auch zum Anlass, in diesem Monat, in dem wir Jesu Kommen in besonderer Weise erwarten, für das Volk Israel heute zu beten und für seine Nachbarn, die Palästinenser. Beten wir für die Menschen, die auf beiden Seiten Frieden suchen, sowie für die, die sich auf beiden Seiten immer mehr in Provokation, Hass und Gewalt verstricken. Mögen alle erkennen, was wirklich dem Frieden dient, und die Kraft bekommen, das Erkannte gemeinsam auch umzusetzen! 


„Siehe, ich komme bald, und mit mir bringe ich den Lohn, und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht.“ (Offb 22,12

November 5th, 2012

Also doch nicht gratis?? Wir haben doch gerade erst letzten Monat die Einladung Jesu betrachtet, uns „gratis“ aus der Quelle des Lebens trinken zu lassen! Wieso ist jetzt plötzlich von „Lohn“ die Rede? Hatten wir mal wieder „Kleingedrucktes“ überlesen, wie neulich bei dem letzten Top-Angebot für die Handy-Flat?

 

Nein, Jesus spart sich nichts „Kleingedrucktes“ aus, um es uns hinterher um die Ohren zu hauen.  Er spricht nur verschiedene Menschen an und rührt auch an verschiedene Saiten in jedem von uns. In den beiden letzten Monaten standen in unseren Betrachtungen vor allem die Ängstlichen („Fürchte dich nicht!“) und die Durstigen („Wer durstig ist…“) im Mittelpunkt. Jetzt können sich zunächst diejenigen angesprochen fühlen, die Ressourcen im Überfluss haben, kräftemäßig, materiell oder wie auch immer, die sich gern engagieren und natürlich auch zu Recht ein Ergebnis, einen „Lohn“ erwarten, ja sogar diesen „positiven Erwartungsstress“ ein Stück weit brauchen, um sich ganz einzubringen. Warum auch sollte sich ihr engagierter Einsatz denn nicht lohnen?! Gott hat nichts davon, die Menschen leer ausgehen zu lassen. Sie sollen ruhig bekommen, „was ihren Werken entspricht“, für die sie sich so eingesetzt haben.

 

Aber – was ist denn ihr Werk? Ist das wirklich so großartig wie sie meinen? Haben sie nicht vielmehr Grund dafür, dankbar zu sein, dass sie überhaupt so viel leisten können, dass sie im Gegensatz zu vielen anderen geplagten Menschen relativ leicht in der Lage sind, „ihre Schuldigkeit zu tun“? Wenn jemand so etwas wie Lob verdient, dann doch Gott, der sie so reich ausgestattet und befähigt hat, und dazu viele ihnen nahestehende Menschen, die sie durch die Art der Annahme, der Erziehung, der Ausbildung, der materiellen Ressourcen so gut auf die eigenen Füße gestellt haben! Natürlich mögen sie selbst nicht wenig dazu beitragen, dass ihr Leben gelingt. Aber sie können es auch! Dass sie es können, ist kaum ihr Verdienst, dass sie ihr Können einbringen, schon. Aber wenn man das eine mit dem anderen vergleicht, ist es ein verschwindend kleiner „Verdienst“. Während ich diese Zeilen schreibe, denke ich daran, wie viele Menschen es möglich gemacht haben, dass ich heute hier bequem vor meinem Computer sitzen und diese Zeilen schreiben kann. Es ist unmöglich, sie alle und ihre „Verdienste“ aufzuzählen. Genau genommen müsste ich fast bis Adam und Eva zurückgehen. Demgegenüber ist mein jetziges bescheidenes Tun ein verschwindend kleines Nichts.

 

In seinem Wert vor Gott entspricht unser „Verdienst“, auf das wir oft so stolz sind, vielleicht gerade mal – wenn man da überhaupt Vergleiche anstellen kann – dem zaghaften Lächeln eines Verbrechers, der nach einer fürchterlichen Kindheit, Jugend und kriminellen Karriere im tristen Gefängnis zum ersten Mal in seinem Leben versucht, sich der Realität seines Lebens zu stellen und zu vertrauen.

 

„Dir gebührt Lob“, singen wir oft. Wer wirklich in dieser Haltung lebt und aus ihr heraus sich einbringt, erkennt schnell, wer der eigentliche Grund unserer guten Werke und zugleich ihr „Lohn“ ist: Jesus Christus selbst.

 

Das eigentliche Werk ist der Glaube, der Ihn erwartet.

 

Gehen wir in dieser Haltung in unsere Gebetszeiten, vor allem jetzt im November, wo wir besonders an unsre Sterblichkeit erinnert werden. Sterblich wie wir, sind auch unsere Werke. Sie folgen uns zwar nach, wie das Buch der Offenbarung des Johannes in einem sehr schönen Hymnus singt. Aber was uns nachfolgt, ist nicht deren „großartiges Ergebnis“ (was vielleicht gar nicht so großartig ist), nicht die Anerkennung der Menschen, die auf Erden nicht selten das einzige war, was uns im Zusammenhang mit unseren Werken wirklich interessierte und vielleicht sogar einzig motiviert hatte, sondern die Liebe, die wir in jedes noch so unscheinbare Tun investiert haben. Die bleibt.

Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Wer durstig ist, den werde ich umsonst aus der Quelle trinken lassen, aus der das Wasser des Lebens strömt. (Offb 21,6)

Oktober 17th, 2012

Christus, „der Anfang und das Ende“, bezeichnet sich hier mit dem ersten und letzten Buchstaben des (griechischen) Alphabets: das Alpha und das Omega. Das Wort „Alpha“ ist uns sehr bekannt. Besonders einflussreiche, führungsstarke  Menschen werden heute gern als „Alpha-Tier“ bezeichnet. Sie sind der „Anfang“ einer Bewegung, stehen führend an der Spitze einer langen Reihe. Sie scheinen zu wissen, wo es hingeht. Doch in der Regel wissen sie kaum etwas von dem, was im hinteren Teil der Reihe geschieht. Bestenfalls haben sie in den hinteren Rängen ihre Informanten, die kontrollieren, ob alle brav folgen, damit die Reihe nicht kürzer wird oder gar Abweichler zur Bedrohung werden. Weiter interessiert sie das Ende der Reihe nicht. Jesus aber führt nicht nur an, er geht auch am Ende. Nicht kontrollierend, sondern dienend. Jesus Christus ist der Ursprung und das Ziel des Weges, der Anfang und das Ende der wandernden Schar, der Schöpfungsgeschichte überhaupt, aber er ist auch der Weg selber. Niemanden verliert er aus dem Blick, gerade nicht die Schwachen und Letzten.

 

Beim Wort, das wir im letzten Monat betrachtet haben, sprach Jesus die Ängstlichen an, heute spricht er die Durstigen an. Viele von ihnen sind durch ihren übermäßigen Durst zu schwach zum zügigen Gehen geworden und schleppen sich als „Letzte“ dahin. Sie dürfen „gratis“ das Wasser aus der Quelle des Lebens empfangen, aus der sie Kraft zum Weitergehen schöpfen.

 

Was ist die Quelle des Lebens? Woraus schöpfen wir Leben? Fangen wir bei unserem natürlichen Erleben an, würde ich sagen: aus der Erfahrung gelungener Beziehung. Das gilt nicht nur für kleine Kinder, die Geborgenheit und Ansprache brauchen, um zu wachsen und sich zu entwickeln. Das gilt auch nicht nur für Verliebte – die stehen, wie die Kinder, eigentlich erst am Anfang – , das gilt für alle Menschen, auch für die, die am Liebsten allein sind, wobei „gelungene Beziehung“ ein sehr weites Feld sein kann und nicht ständiger Kontakt bedeuten muss. Es ist schon gar nicht die Anzahl an „Freunden“ bei Facebook gemeint, es ist allein die Erfahrung eines verlässlichen DU und eines bergenden Wir.

 

Gelungene Beziehung lässt leben, und zwar sehr gut leben! Sie stillt ein starkes inneres Verlangen nach Nähe, die Freiheit schenkt, nach Freiheit, die Nähe ermöglicht, nach Verlässlichkeit und lebendiger Dynamik. Aber wir kennen auch die schmerzliche Erfahrung, dass Beziehungen wieder einschlafen, verletzt werden und verloren gehen. In der Regel erleben wir es als Entzug von Leben, um so mehr, je echter und gelungener die Beziehung vorher war. Gott bietet uns eine Beziehung an, die von seiner Seite her nicht einschläft – auch wenn es manchmal so scheint – , die höchstens von uns, nie aber von ihm verletzt wird, die nie verloren geht, egal was geschieht. Es ist eine Beziehung, die am ehesten der Beziehung zwischen Eltern und Kindern gleicht. Auch sie ist „gratis“, lässt leben, schenkt Nähe und Freiheit, Verlässlichkeit und Dynamik – sofern sie einigermaßen ungestört besteht. Aber selbst die gelungene Eltern-Kind-Beziehung wird von der Beziehung, die Gott zu uns hat, noch weit übertroffen.    

 

Gehen wir in die Anbetung mit dieser Haltung: „gratis“ das Wasser des Lebens empfangen. Nicht als Leistende gehen wir dorthin, sondern als Dürstende – auch wenn wir den Durst nicht immer spüren, weil wir gerade an etwas „lutschen“ und vom inneren Durst abgelenkt sind. Aber vergessen wir dabei nicht, dass es wirklich um Beziehung geht. Nur sie stillt unseren Durst, nicht irgendeine Erfahrung spiritueller Wellness, als sei Gott so etwas wie ein Ayurveda-Therapeut. Nichts gegen Entspannung, Frieden und Wohlbefinden! Sie können sehr nützlich sein und, richtig dosiert, unsere Aufmerksamkeit wach halten. Aber schenken wir diesem DU Gottes, das sich uns „gratis“ schenkt, auch unsere Aufmerksamkeit „gratis“, ohne jede Art von Berechnung. Auch ohne Anliegen? Die Anliegen stören nicht. Die legen wir ihm ja ans Herz, wie das Wort schon sagt. Überlassen wir das „Gelingen“ ihm – eben: ohne Berechnung.