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Führe uns nicht in Versuchung

Sonntag, Juli 1st, 2012

Stünde sie nicht im Vaterunser, so käme uns diese Bitte wohl kaum über die Lippen. Dabei entspricht sie einer tiefen Sehnsucht in uns: in Ruhe den Weg gehen zu können, den wir als gut erkannt haben, ohne durch Versuchungen gestört und schlimmstenfalls in die Sinnlosigkeit umgeleitet zu werden. Aber – wie kann der Weg von Gott selbst gestört werden? Wie kann Gott in Versuchung führen? Und sollte er es aus irgendwelchen guten Gründen doch tun – welchen Sinn hätte es dann, ihn zu bitten, es gefälligst zu unterlassen? Dürften wir ihm Vorschriften machen, wie er uns zu erziehen hat? Die Formulierung dieser Bitte erinnert mich an andere geheimnisvollen Sätze der Heiligen Schrift: „Ich bewirke das Heil und schaffe das Unheil.“ (Jes 45,7) Oder: „Gott verhärtete das Herz des Pharao.“ (Ex 14,8). Kann das der Wahrheit entsprechen?

Eine plausible Erklärung, die ich mal hörte, möchte ich hier gern weitergeben: Was Gott tut und gibt, ist immer gut. Es kann nicht seine Absicht sein, das Herz des Menschen zu verhärten und damit Unheil zu schaffen oder Menschen zu versuchen. Aber er hat dem Menschen die Freiheit geschenkt. Gott gibt die Energie für das Gute in das Gefäß der Freiheit – und geht damit ein hohes Risiko ein. Im Fall des ägyptischen Pharaos war die „Energie“ wohl Entschlossenheit und Durchsetzungskraft. Dieser wusste sie zwar zu nutzen, aber nicht, um mit wohlwollender Stärke das Volk Israel in Güte ausziehen zu lassen, wie es Gottes Plan entsprochen hätte, sondern um es mit unerhörter Machtbesessenheit krampfhaft festzuhalten und auszubeuten, bis zermürbende Plagen ihn zuletzt zwangen, das Volk loszulassen. Nur weil es Gottes Gabe war, die der Pharao missbrauchte, spricht die Bibel davon, dass Gott das Herz des Pharao „verhärtete“. Es ist biblische Sprache, wie auch die Bitte, von Gott nicht versucht zu werden, biblische Sprache ist. Normalerweise drücken wir uns außerhalb des Vaterunsers nicht so aus, aber die zunächst befremdende Formulierung kann uns einen wichtigen Hinweis geben für unseren Umgang mit Versuchungen. Ist es nicht tröstlich, dass hinter jeder Versuchung zuerst Gottes Gabe an uns, Gottes Suche nach uns, seine „Heim-suchung“ steht?

Aber noch einmal: Wozu Gott dann bitten, dass er dies lassen soll? Soll Er uns dann besser gar nichts geben und in Ruhe lassen?

Gottes Gabe an uns muss uns ja nicht zur Versuchung oder gar zur Sünde werden. Sie braucht es nicht zu werden, wenn wir unsere Augen gleich auf Ihn richten und die Gabe in den Aufbau des immer kommenden Reiches Gottes investieren. Zum Stolperstein, der uns zu Fall bringt, wird sie uns nur, wenn wir genau diese Bereitschaft verweigern und uns statt dessen auf uns selbst zurückbiegen, um unser bisschen Leben (oder was wir dafür halten) krampfhaft festzuhalten, um die Gabe für die Selbstanbetung zu missbrauchen, was ohne Umkehr schließlich zum Glaubensabfall führen würde. Dass dies nicht geschehe, darum bitten wir, wenn wir beten: Führe uns nicht in Versuchung. 

Das Böse an sich gibt es nicht, jedenfalls nicht als eine dem Guten vergleichbare, von Gott geschaffene Größe – auch wenn es sich in erschütternder Weise verselbständigen und hochintelligent auftreten kann. (Die Intelligenz als gute Gabe Gottes wird dann missbraucht, für Böses in Dienst genommen.) Gott kann nur Gutes erschaffen. Das Böse ist immer das verkehrte Gute, die „abgestürzte Größe“, wie es Martin Schleske nennt[1], die für eigene abgesonderte Interessen verzweckten Gaben Gottes, die von ihrem Sinn entfremdete Freiheit. Die christliche Tradition spricht ja auch vom Teufel als von einem „gefallenen Engel“ und nicht von einem „bösen Gott“, der dem guten Konkurrenz machen würde. Das wäre Dualismus.

Ja, man kann sagen – so erschütternd das zunächst klingen mag: Auch hinter dem Unheil, das geschieht, steht ursprünglich Gott – nicht in der Absicht, sondern durch die Kraft und Fähigkeit, die er gibt. Er gibt sie zum Guten, aber der Mensch kann sie verkehren, verbiegen, für lebensferne Zwecke missbrauchen. Jede Versuchung stellt uns daher immer wieder neu vor die Frage: Worin will ich Gottes Gaben investieren? Will ich Ihm mein Vertrauen schenken?

Im Taufversprechen beantworten wir eigentlich schon diese Frage, noch ohne die Gaben im Einzelnen genau zu kennen. Je entschlossener wir aus dem Geist der Taufe leben, aus Glaube, Hoffnung und Liebe, umso selbstverständlicher werden wir unsere ganze Lebensenergie in den Aufbau des Reiches Gottes investieren.

Gottes Reich ist in Jesus Christus längst gekommen. Er klopft täglich an die Tür unseres Herzens, um „heimisch“ zu werden in dieser Welt. Nicht immer öffnen wir. Es ist die Verweigerung, die die Liebe in uns erkalten lässt, bis das lebendige Wasser unseres Herzens zu einen Eisklotz erstarrt, der uns immer tauber für Gottes Stimme macht, und wir vom Glauben abfallen wie eine in Eis erstarrte Blüte.

Aber noch ist ja Zeit! Laufen wir zur Tür und öffnen wir einfach! Lassen wir die wärmende Sonne der Liebe Gottes hinein – und das lebendige Wasser des Herzens kann fließen, in die Anbetung und den Lobpreis Gottes, in die Liebe zu den Mitmenschen. Nichts fehlt, nichts staut sich, alles fließt – auch durch unsere stillen Anbetungsstunden hindurch.  


[1] Martin Schleske, Der Klang. Von unerhörten Sinn des Lebens. München, 2010